Unter dem Begriff ´Lügen` versteht man bewusste Falschaussagen, die von der Lügnerin oder dem Lügner mit der Absicht einer Täuschung verbreitet werden. Lügen sind in sozialen Interaktionen allgegenwärtig und können adaptive (z. B. Schutz vor Konflikten) oder maladaptive (z. B. beabsichtigte Manipulation) Funktionen haben. Die Erforschung von Lügen schließt die Neurowissenschaft, die Psychologie und die Klinische Psychologie mit ein.
In bestimmen Momentaufnahmen hat sicherlich Jede und Jeder von uns schon einmal „geflunkert“. Wenn wir auf die Frage, wie es uns geht, mit „gut“ antworten, obwohl dies eigentlich gar nicht der Fall ist oder die kleine Notlüge, wenn wir zu spät kommen – wir Menschen setzen unsere Fähigkeit zu lügen durchaus das ein oder andere Mal auch vermeintlich begründet ein.
Beim Lügen sind mehrere Gehirnareale involviert, denn es müssen Informationen zurückgehalten, Hemmungen überwunden und eine glaubhafte falsche Darstellung konstruiert werden. Hier greift unser praefrontaler Cortex (und zwar insbesondere der dorsolaterale praefrontale Cortex), der für Planung, Arbeitsgedächtnis, Inhibition und Entscheidungsfindung verantwortlich ist.
Die beim Lügen entstehende Diskrepanz zwischen Wahrnehmung, Falschaussage und wahrer Information benötigt eine Konfliktüberwachung und Fehlererkennung, die wiederum der anteriore cinguläre Cortex (ACC) gewährleistet.
Der orbitofrontale Cortex (OFC) spielt im Zusammenhang der Bewertung von Belohnungs- und Bestrafungssignalen, dem sozialen Kontext, und der moralischen Bewertung eine Rolle bei der Abwägung zwischen Ehrlichkeit und möglichem Vorteil durch Lügen.
Um plausible Lügen zu konstruieren, die schwer zu überprüfen sind, wird der temporoparietale Übergang (TPJ – temporoparietale Junction) benötigt, der für soziale kognitive Prozesse und die Perspektivenübernahme unerlässlich ist.
Basalganglien und emotionale Netzwerke, insbesondere in der Amygdala, helfen wiederum bei emotionalen Reaktionen wie der möglichen Stressantwort beim Lügen bezüglich der Vermeidung des ´Auffliegens`.
Lügen rekrutieren typischerweise ein vernetztes Frontalkortex-System. Die Aktivierung variiert dabei je nach Komplexität der Lüge, dem genauen Kontext, dem entsprechenden Belohnungswert der Lüge und der individuellen Strategie.
Es gibt mehrere psychologische Hintergründe, die das Lügen erklären.
Grundsätzlich werden Lügen häufiger genutzt, wenn der wahrgenommene Nutzen der Lüge (z. B. ein sozialer Vorteil, ein Schutz vor Konsequenzen) die Kosten der Täuschung übersteigt. Kurzfristige Belohnungen (z. B. Anerkennung, Vermeidung von Ärger) können Lügen attraktiver machen, was wiederum das dopaminerge Belohnungssystem beeinflusst.
Die Fähigkeit, die Perspektive anderer zu antizipieren (´Theory of Mind`) erleichtert dem / der Lügenden das Verstecken von Wahrheiten und das Erzählen plausibler Geschichten. Entwicklungs- und Erziehungsfaktoren wie Kindheitserfahrungen, das Vertrauen in Bindungen und das Erleben bestimmter Bestrafungsstile beeinflussen die Grundneigung ehrlich oder unehrlich zu kommunizieren.
Eine der wesentlichen Begründungen für routiniertes, alltägliches Lügen stellt ein niedriges Selbstwertgefühl dar. Zur Selbstwertregulation dient das Lügen als Strategie, das Selbstbild in sozialen Interaktionen zu schützen bzw. aufzuwerten. Die Bestätigung durch andere kann dann kurzfristig das Selbstwertgefühl steigern. Lügen werden demnach als nützlich empfunden, sobald soziale Belohnungen folgen.
Es gibt Menschen, die lügen wortwörtlich wie gedruckt. Sie können gar nicht mehr anders und erfinden ein Leben, das sie eigentlich gar nicht führen, nur um interessanter zu sein. Diese ´Pseudologia phantastica` resultiert stets aus einem mangelnden Selbstwert. Es wird gelogen, um unangenehme Situationen, Strafen oder die Bloßstellung von Scham zu vermeiden und um Beachtung, Mitleid oder Anerkennung zu erhalten.
Hinter dem Phänomen des chronischen Lügens liegt also eine starke Selbstwertproblematik, aus diesem Grund verweigern die Personen meistens die Einsicht und eine Therapie, die die Bildung eines realen, echten und gerade deswegen starken Selbstbewusstseins als Ziel hat. Für Personen, die schon lange Zeit zwanghaft lügen, ist die Verhaltensänderung umso schwerer.
Spätestens, wenn regelmäßiges Lügen zusätzlich dazu dient, das Umfeld zu manipulieren und Verhaltensweisen zu erzwingen, dann handelt es sich bei dem Lügenzwang nicht mehr ´nur `um das Resultat eines mangelnden Selbstwertgefühls, sondern um eine ausgeprägte und schädigende Persönlichkeitsstörung.
Hierunter zählen zum Beispiel antisoziale und Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Auch Zwangsstörungen oder trauma-assoziierte Muster (bei Stress) können gelegentlich zu verzerrten Darstellungen führen, sind aber seltener. Ein missbräuchlicher Umgang mit Substanzen kann ebenfalls das Lügen verstärken.
Insbesondere bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung wird das strategische Lügen zum Erreichen von Zielen oft alltäglich. Das große Bedürfnis nach Bewunderung, ein grandioses eigenes Selbstbild, ein übertriebenes Gefühl der eigenen Wichtigkeit, Fantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Brillanz oder Schönheit, die Erwartung an andere als überlegen behandelt zu werden, unabhängig von tatsächlichen Leistungen und eine enorme Empfindlichkeit gegenüber Kritik, welche oft als persönliche Bedrohung erlebt wird, bilden das Fundament für routiniertes, chronisches Lügen zum Täuschungs- und Manipulationszwecke. Um das eigene Selbstwertgefühl zu schützen, werden andere herabgesetzt und abgewertet.
Diese Persönlichkeiten veräußern eine völlig unrealistische Anspruchshaltung und erwarten regelrechte Spezialbehandlungen. Werden diese nicht erfüllt, folgt eine verärgerte, geradezu ´entrüstete`, vorwurfsvolle Reaktion.
Durch die übertriebene Sensibilität gegenüber Kritik, das Anspruchsdenken oder die Ausbeutung von Beziehungsaspekten entstehen häufig zwischenmenschliche Konflikte. Eine reflektierte Einsicht ist meistens nicht zu erwarten. Beziehungen werden berechnend ausgenutzt, um eigene Ziele zu erreichen. Sie sind ausschließlich Mittel zum Zweck und dienen dazu, das eigene Selbstbild zu bestätigen oder den eigenen Status abzusichern. Je nach Nutzen für das eigene Selbstbild schwankt dann die Beziehungsgüte stark.
Auch Persönlichkeiten mit machiavellistischen Zügen zeigen eine zynische Missachtung von Moral und lügen zur strategischen Täuschung und Manipulation anderer für persönliche Zwecke. Der Fokus liegt dabei ausschließlich auf dem Eigeninteresse. Menschen mit hohen Testwerten im Bereich Machiavellismus sind vorwiegend emotionslos und betrachten andere oft als Objekte, die zu instrumentalisieren sind. Ihre berechnende Natur begründet das Interesse, andere zu täuschen.
Spätestens wenn das Lügen chronisch wird, es pathologische Züge annimmt und für unmoralische Zwecke eingesetzt wird, sollte es zu einer angebrachten Therapie kommen, um nicht nur Schädigungen des Umfeldes zu beenden, sondern auch die / den Lügenden selbst davor zu bewahren, dass irgendwann das „Kartenhaus“ zusammenbricht. Niemand lügt schließlich für immer, irgendwann „fliegt man auf“ und büßt mindestens den eigenen sozialen Status unwiederbringlich ein.
Lügen erhöht außerdem unterbewusst physiologische Stressreaktionen und wiederholtes Lügen kann langfristig das eigentlich erwünschte Selbstwertgefühl zusätzlich untergraben, da die Inkongruenz zwischen der Selbsteinschätzung und den erzählten Geschichten zu einer kognitiven Dissonanz führt.
Chronisches Lügen führt somit nicht selten zu Depressionen, Angststörungen und Verfolgungswahn.
Wie auch immer der / die chronisch Lügende zu eben diesem / eben dieser geworden ist, ob biopsychosoziale Erfahrungen, genetische Einflüsse, frühe Bindungserfahrungen oder andere Erziehungs- bzw. Sozialisationseinflüsse die Ausprägung eines gesunden und reellen Selbstwerts entsprechend negativ beeinflusst oder gar gehemmt haben, wichtig ist, eine ganzheitliche Hilfestellung aus der Lügenspirale hinaus.
Geeignete Therapieansätze aus der Lügenspirale heraus stellen in der Psychotherapie insbesondere die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) oder die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) angepasst auf die narzisstische Persönlichkeitsstörung dar.
Schematherapeutische Ansätze identifizieren und verändern die dysfunktionalen Grundannahmen und mentalisierungstherapeutische Ansätze zielen darauf ab, das Verständnis eigener und fremder Gedanken zu verbessern.
ARISTOTELES sagte einst: „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“
Auch Thomas MANN hatte eine klare Meinung zum Thema Lügen: „Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge!“
Halten wir uns also lieber daran, unsere „Flecken“ auszuwaschen, anstatt sie, und damit uns selbst, zu beschneiden, und lernen wir mit der manchmal auch schmerzlichen Wahrheit konfrontativ umzugehen und zu leben, denn nur dann haben wir langfristig Frieden mit und in uns selbst!
Interessieren Sie sich in diesem Zusammenhang sehr gerne für unsere staatlich zertifizierten Fernlehrgänge aus dem Fachbereich der Verhaltenswissenschaften, wie zum Beispiel
Patientin, Patient, Tierbesitzerin, Tierbesitzer, Therapeutin, Therapeut Medizinische Psychologie oder
SE in combined soul & body pains in veterinary patients (dogs, cats and horses).




c.hinterseher-Wissen!
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