Frauen in der Medizin

Hexenverbrennungen, Angst vor okkulten Zusammenkünften und übersinnlichen Mächten – Frauen, die sich bereits im Mittelalter das Wissen um die Heilkraft von Pflanzen zunutze machten, lebten gefährlich. Sie praktizierten oft nur hinter verschlossenen Türen und wurden hinter vorgehaltener Hand weiterempfohlen. Gerieten sie dabei an die falschen Leute, bedeutete das Gefahr für Leib und Leben, Folter und am Ende gar der Scheiterhaufen drohten.

Man sieht, Frauen hatten es schon in den Anfängen der Medizin, und zählen wir ruhig die Kräuterheilkunde dazu, denn sie bildete in weiten Teilen den Grundstock für viele bedeutende Medikamente der späteren Schulmedizin, nicht leicht. Ob sie nun der Kirche ein Dorn im Auge waren, oder so mancher Ehefrau, die Angst hatte, dem Göttergatten könnten mit einem geheimnisvollen Kräutersud die Sinne vernebelt werden, Frauen konnten nur im Geheimen ihr Wissen um die Heilkunde erweitern.

Und trotzdem hat es durch die verschiedenen Epochen immer wieder bedeutsame Pionierinnen gegeben, die sich nicht zurückweisen liesen, die sich nicht abfanden damit, dass die Medizin lange Zeit als Männerdomäne galt.

Eine von ihnen war Hildegard von Bingen, die 1098 geboren, im Laufe ihres Lebens zu einer bedeutenden natur- und heilkundigen Universalgelehrten emporstieg. Als Äbtissin eines Klosters erlangte sie unter anderem hohes Ansehen, weil sie für die damalige Zeit sehr moderne Ansichten vertrat und umsetzte, was ihr nicht nur in der Kirchengemeinschaft Kritik einbrachte, doch Hildegard von Bingen ging ihren Weg unbeirrt weiter und scheute die Konfrontation nicht.

Ihre zwei natur- und heilkundlichen Werke, die sie 1150 und 1160 verfasste, brachten ihr bereits zur damaligen Zeit den Titel „Deutschlands erste schriftstellernde Ärztin“ ein und noch heute erfreuen sich ihre Bücher großer Beliebtheit. Mit ihrem mutigen Denken und Handeln ebnete Hildegard von Bingen als eine der ersten Frauen den Weg für den Einzug des weiblichen Geschlechts in die Natur- und Medizinwissenschaften.

Machen wir einen „kleinen“ Zeitsprung in das Jahr 1715, landen wir im Geburtsjahr einer weiteren bedeutenden Frau der Medizingeschichte. Dorothea Christiane Erxleben, geborene Leporin, gilt als Deutschlands erste promovierte Ärztin. Bereits als Kind zeigte das Mädchen großes Interesse für naturwissenschaftliche Studien und wurde später von ihrem Vater, der selber praktizierender Arzt war, in Naturwissenschaften und praktischer sowie theoretischer Medizin unterrichtet. Trotz dieser herausragenden Vorkenntnisse verwehrte man Dorothea Leporin damals den Zugang zur Universität, woraufhin sie sich an keinen Geringeren als Friedrich den Großen wandte, der daraufhin 1741 die Universität Halle anwies, Frau Leporin zur Promotion zuzulassen.

Aufgrund ihrer fehlenden formellen, universitären Ausbildung zur Ärztin wurde Dorothea Leporin zu Beginn ihrer Praxistätigkeit von anderen Ärzten ihrer Heimatstadt als Dilettantin beschimpft, was die taffe junge Frau mit der Schrift „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten“ beantwortete.

1747, nun unter dem Namen Erxleben, übernahm Dorothea die Praxis ihres Vaters und sah sich dort nach dem Tod einer Patientin erneut der Kritik ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt, wonach sie beschloss, ihre Promotion nachzuholen, die sie mit großem Erfolg ablegte. Am 12. Juni 1754 wurde sie von Professor Johann Juncker feierlich zum „Doktor der Arzeneygelahrtheit“ erklärt. Nach ihrer Promotion führte sie ihr Leben weiter wie bisher, bis sie im Jahre 1762 verstarb.

Man könnte an dieser Stelle vielleicht sagen, schön langsam ebnete sich der Weg in die Gefilde der Naturwissenschaften und Medizin für das weibliche Geschlecht und weitere herausragende Erfolgsgeschichten nahmen ihren Lauf.

So auch die Geschichte von Marie Sklodowska Curie, die 1867 in Warschau geboren, im Jahre 1903 den Nobelpreis für Physik und 1911 den Nobelpreis für Chemie erhielt. Curie untersuchte im Jahr 1896 die Strahlung von Uranverbindungen und prägte in diesem Zusammenhang das Wort „radioaktiv“. Später entdeckte sie zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie die chemischen Elemente Polonium und Radium.

Marie Curie ist neben Linus Pauling die einzige Person, die Nobelpreise auf zwei unterschiedlichen Fachgebieten erhielt. Auch sie war eine Frau, die sich nicht durch vorgegebene Schranken aufhalten lies und so zog sie nach Paris und begann Ende 1891 ein Studium an der Sorbonne, das sie mit Lizenziaten in Physik und Mathematik beendete. Dies wäre ihr in ihrer Heimat zur damaligen Zeit niemals möglich gewesen. Im Jahr 1897 begann Curie die Erforschung radioaktiver Substanzen und übernahm 1906 die Lehrverpflichtungen ihres durch einen Unfall verstorbenen Mannes und wurde später auf den für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Allgemeine Physik berufen. Damit war sie die erste Professorin, die an der Sorbonne lehrte.

Doch damit nicht genug. Marie Curie entwickelte während des Ersten Weltkrieges einen mobilen Röntgenwagen, der es möglich machte, radiologische Untersuchungen direkt an der Front vorzunehmen. Sie legte dort nicht nur selber Hand an bei der Behandlung verwundeter Soldaten, sondern beteiligte sich auch an der Qualifizierung der notwendigen Techniker und Krankenschwestern. Curie setzte sich außerdem nach Ende des Krieges an dem von ihre geleiteten Pariser Radium-Institut für die Förderung von weiblichen und ausländischen Studentinnen und Studenten ein.

Der Stein war nun also endgültig ins Rollen gebracht und Frauen erlangten immer öfter die ihnen so lange verwehrte Anerkennung in Themen der Naturwissenschaften, Forschung und Medizin.

Eine große Frau der Neuzeit-medizinischen Geschichte ist die italienische Medizinerin und Neurobiologin Rita Levi-Montalcini. Für ihre Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors beta NGF wurde sie 1986 mit dem Albert Lasker Award for Basic Medical Research und dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet.

Für Levi-Montalcini fiel der Entschluss, ein Medizinstudium zu beginnen, mit der Krebsdiagnose ihres damaligen Kindermädchens. 1936 beendete sie ihr Medizinstudium in Turin und widmete sich anschließend der neurologischen Grundlagenforschung. Im selben Jahr zog sie nach Belgien, wo sie als Gastwissenschaftlerin an einem neurobiologischen Institut arbeitete.

Rita Levi-Montalcini vermachte ihr Leben der Forschung, die sich auf zelluläre Nachrichtenübertragung und Steuermechanismen des Zell- und Gewebewachstums konzentrierte. Sie entdeckte den Epidermal Growth Factor, EGF, den Nervenwachstumsfaktor, NGF, und prägte zusammen mit Viktor Hamburger den Begriff „Neurotrophin“.

Ende 2012 verstarb Rita Levi-Montalcini im Alter von 103 Jahren und ist bisher die einzige Person, die einen Nobelpreis erhielt und über 100 Jahre alt wurde.

Frauen haben sich also über mehrere hundert Jahre ihren Platz in einer ursprünglich von Männern geprägten Domäne erkämpft. Und heute? Nun, heute sind sie in der Überzahl!

Nach einer Analyse der Stiftung Gesundheit zur ambulanten Versorgung in Deutschlang vom Februar 2023 sind zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin in Deutschlang mehr Ärztinnen als Ärzte in der ambulanten Patientenversorgung tätig. Die Frauenquote liegt demnach bei 50,3 %.

Die Fachrichtungen mit der höchsten Frauenquote bilden:

  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, 79,4 %
  • Psychologische Psychotherapie, 75 %
  • Frauenheilkunde und Geburtshilfe, 73,2 %

Die „weibliche Sicht auf die Dinge“ hat also endlich ihren wohlverdienten Platz im breiten Sektor der Medizinwissenschaften gefunden. Besser noch, die weibliche Empathie und das besondere Gespür für den Umgang mit Patientinnen und Patienten ist heute nicht mehr wegzudenken aus allen Bereichen der medizinischen Räume. Und so bestätigt sich letztendlich auch hier, dass Vielfalt und Differenziertheit das maximale Potential entfalten und Großes möglich werden lassen.

Anamnesegespräch
Darstellung des Monitoring einer MRT Aufnahme
Patientengespräch
Untersuchung eines Pferdes
Bild von Rita Levi-Montalcini

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